Welche Emotionen kommen in dir hoch, wenn du an Situationen aus deinem eigenen Klassenzimmer denkst. Fühlt es sich gut oder schlecht an?
Vielleicht beides.
Es kann aber auch gut sein, dass dir insbesondere die nicht so schönen Erlebnisse in den Sinn kommen.
Mir zum Beispiel schießt direkt der Matheunterricht in den Kopf: Mein Lehrer steht vor der Klasse, nein eigentlich saß er die meiste Zeit am Pult, und würfelt aus, wer als nächstes zum Vorrechnen an die Tafel muss.
Argh. Echt.
Mir treten nur beim Gedanken daran schon wieder die Schweißperlen auf die Stirn. Und klar, mein Name fiel mehr als ein Mal! Ich musste also an die Tafel.
Ich habe gelitten. Und wie. Höllenqualen!!!!! Ich lief rot an, fing an zu schwitzen, suchte mir wie in Trance den Weg zur Tafel und...
...konnte gar nichts. Natürlich konnte ich nichts. Ich habe ja nicht einen klaren Gedanken mehr fassen können. Mein Stresslevel sprengte jede Skala.
Ich frage mich wirklich, wie pädagogisch wertvoll diese Erfahrung gewesen sein kann.
Ich behaupte, dass es echt, (Entschuldigung), eine Erfahrung für die Tonne ist. Gelernt habe ich nichts und mein Selbstwertgefühl hat sich in diesem Moment auch eher in den Keller verzogen.
Bitte verstehe mich nicht falsch: ich möchte dir nun keinen falschen Eindruck vermitteln, denn und das sage ich an dieser Stelle sehr deutlich, ich beabsichtige nicht, hier irgendwen niederzumachen oder die Schulen an den Pranger zu stellen. Viele unserer Schulen und die Mehrheit der Lehrer erbringen tagtäglich einen wertvollen Dienst an unseren Kindern. Und das unter häufig wirklich sehr erschwerten Bedingungen.
Stichwort Lehrermangel oder Brennpunkt-Schule. Aber auch dieses Thema wäre Stoff für mindestens einen eigenen Blogpost.
Was ich dir mit meiner kleinen Anekdote aus meiner Schulzeit zeigen wollte ist, dass sich die negativen Erfahrungen viel deutlicher und detailgetreuer in unser Gehirn einbrennen als andere. Diese negativen Emotionen verdrängen häufig sehr erfolgreich die positiven und schönen Gefühle, Momente und Erinnerungen. Eigentlich sehr schade, oder?
Stell dir mal nur einmal kurz vor, es wäre nicht so. Wow. Wie gut würde es uns gehen, oder? Hach. Wie gut wäre das bitte.
Naja, trotzdem, ich bin mir sicher, die meisten, und ich wünsche mir wirklich sehr du gehörst dazu, hatten eine durchaus annehmbare, vielleicht ja sogar schöne und positive Schulzeit. Nur der Blick darauf ist durch diese negativen Erinnerungen wie meine Mathestunde irgendwie naja verzerrt. Vielleicht könntest du versuchen, dir bewusst sehr schöne und positive Momente aus deiner Schulzeit ins Gedächtnis zu rufen, um das Bild wieder gerade zu rücken.
Ich habe übrigens dazu einmal eine Umfrage auf meinem Instagramkanal gemacht und tadaaa, die schönsten Momente der Schulzeit standen immer in direkter Verbindung zu den Freunden.
Überrascht dich diese Antwort? Mich ehrlich gesagt nicht. Freunde sind doch etwas wunderbares und gemeinsam steht man eben auch die Schulzeit durch. Haha. Spaß beiseite.
Warum erzähle ich dir das dann aber alles?
Naja, Weil du, und ich auch, wir zwei so wie jeder andere auch, wir sind nur Menschen. Und wir sind nun einmal irgendwie auch die Summe unserer Erfahrungen und tragen diese mit uns rum.
Diese Erfahrungen sind per se auch nichts schlechtes und die Ansichten oder Einstellungen, die wir uns daraus abgeleitet haben, sind oft auch sehr hilfreich. Mir zum Beispiel helfen sie, Situationen schneller einzuschätzen und schneller zu reagieren. Ich muss nicht mehr jedes Mal ausprobieren, dass mein Ei nach 10 Minuten hart gekocht ist wie ein Stein. Gott sei Dank muss ich das nicht. Ich habe nämlich die Erfahrung gemacht, dass es mir nach 7 Minuten Kochzeit am besten schmeckt.
Dieses Beispiel ist natürlich sehr einfach gehalten. In Wirklichkeit ist die Welt der Emotionen oder Gefühle, und damit sind unserer Erfahrungen letztendlich ja in der Regel verknüpft, sehr viel komplexer.
Aber, was ich dir damit eigentlich sagen möchte ist:
Der erste Schritt, deinem Kind beim Lernen zu helfen, ist, dass du selbst darüber nachdenkst, welche Einstellung du eigentlich zur Schule und zum Lernen hast. Denn deine Stimmungen, jede noch so beiläufige Bemerkungen und vielleicht auch deine, ich nenn es mal Schwingungen, seien sie auch nur unbewusst, beeinflussen dein Kind und auch seine Einstellung.
Und Kinder haben sehr feine, wirklich sehr sehr feine Antennen für die Stimmungen ihrer Eltern. Dein Kind kennt dich in und auswendig. Es wird merken, wenn du versuchst ihm etwas vorzumachen. Deine Stimmung schwingt unterschwellig immer mit.
Bevor du nun also didaktische oder pädagogische Überlegungen anstellst oder über die besten Lernstrategien nachdenkst, solltest du einmal in dich gehen und dir deine eigenen Einstellungen bewusst machen.
Ist es eher ein laissé faire, a la „Kommste heute nicht, kommste morgen“ oder bist du vielleicht jemand, die oder der streng und pflichtbewusst ist?
Vielleicht hältst du Schule ja sogar für die reinste Zeitverschwendung oder bist der Ansicht, dass Schüler ausschließlich über strenges Pauken zum Erfolg gelangen.
Klar, ich habe die Positionen überspitzt. Das war meine Absicht. Wahrscheinlich würdest du dich irgendwo in der Mitte ansiedeln oder hast noch eine völlig andere Ansicht. Das weiß ich nicht. Das kannst nur du wissen.
Und wie sieht es denn eigentlich mit deiner Einstellung gegenüber Lehrern aus? Sind sie vollkommen überzahlte Personen mit zu viel Ferien oder leisten sie in deinen Augen einen guten Job? Welche Gefühle löst das Berufsbild des Lehrers in dir aus?!
Lehrer sind ja Personen, die uns in der Kindheit und Jugend doch so einige Zeit begleiten. Und so wie mich meine Lehrer in gewissen Punkten geprägt haben, wirst auch deine Erfahrungen gemacht haben.
Und jetzt mal wirklich Hand aufs Herz: Hast du Vorurteile gegenüber Lehrern, Lehrmethoden oder Schulen?
NA?
Ohh jaa. Ganz ehrlich: ich hatte eine Menge davon und habe einige auch immer noch. Und ich finde das ist in Ordnung!
Es ist wirklich ok. Jedenfalls so lange wie du dir über deine Vorurteile/ Einstellungen im Klaren bist.
Denn dann hast du eine echte Wahl bzw. Chance dein eigenes Verhalten oder deine Ansichten zu reflektieren und bei Bedarf anzupassen.
Und das ist insbesondere in Bezug auf das Lernverhalten deines Kindes wichtig. Wenn du deine eigenen Gefühle oder Ansichten nicht zurückhalten kannst, dann überträgt sich deine Einstellung auf dein Kind. Das ist doch klar. Warum sollten Max oder Anna denn ihre Hausaufgaben machen, wenn nicht mal Mama oder Papa von der Sinnhaftigkeit dieser Aufgaben überzeugt sind?!
Das heißt ja überhaupt nicht, dass du nun alles super finden musst, was in der Schule so läuft. Aber dein Kind wird es einfacher haben, wenn du ihm eine grundsätzlich offene und tendenziell positive Grundhaltung vorlebst.
Aussagen wie „Religion braucht nun wirklich kein Mensch“ oder „Kunst ist überflüssig“ sind nicht hilfreich. Das mag ja alles vielleicht wohl so sein, dein Kind aber muss sich trotzdem viele Schuljahre mit diesen Fächern beschäftigen. Und in welchem Fall ist es wohl einfacher? Klar, oder?
Die Motivation durchzuhalten sinkt mit jeder negativen Äußerung im Kontext Schule.
Um dein Kind nun also optimal beim Lernen zu unterstützen, ist es hilfreich, wenn du deine innere Haltung wirklich erkennst und sie überdenkst. Ich weiß, ich wiederhole mich, aber dieser Punkt ist einfach so wichtig und darf nicht unterschätzt werden.
Früher oder später werden du und dein Kind nämlich eine angespannte Situation, zum Beispiel beim Hausaufgaben machen, erleben oder gemeinsam durchstehen müssen: Dein Kind wird bockig oder lustlos sein und den Sinn einer Aufgabe anzweifeln, das Verhalten eines Lehrers verteufeln und Schule einfach doof finden.
Und in diesem Moment, bleibst du einfach ruhig und atmest kurz durch. Du bist ein prima Vorbild für dein Kind.
Denn du kennst nun deine eigene innere Haltung und kannst deine Emotionen oder Meinung in diesem Moment bewusst zurückhalten. Du stimmst nicht in das Klagelied deines Kindes ein.
Du kannst dein Kind stattdessen für seine Anstrengungen loben und es ermutigen weiterzumachen und nicht aufzugeben.
Du bist deinem Kind eine sehr große und wertvolle Hilfe!
Bitte denke daran, dass wir alle nicht perfekt sind. Ärgere dich also nicht, wenn du in einem unbewussten Moment deine innere Haltung deinem Kind gegenüber offenbarst. Wichtig ist nur, dass du es bemerkst und dann ja einfach beim nächsten Mal daran denkst.